Templiner Erklärung

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Vorschläge zur Weiterentwicklung multifunktionaler Forstwirtschaft
Integration von Naturschutzaspekten bei der Bewirtschaftung von Buchenwäldern

Präambel
In Anerkennung
– der Verantwortung, die Deutschland weltweit für den Erhalt des Ökosystems
Buchenwald hat,
– der Fragmentierung und Gefährdung der verbliebenen Buchen-
Altholzbestände,
– dem Mangel an Naturwaldstrukturen und daran gebundenen
Naturnähezeigern von Flora und Fauna in bewirtschafteten Buchenwäldern
sowie
– der herausragenden Bedeutung der Buchenwälder für den Erhalt der biologischen
Vielfalt in Deutschland und weltweit,
in Sorge darüber,
– dass wir die biologische Vielfalt mit einer ausschließlichen Reduzierung des
Waldnaturschutzes auf Totalreservate nicht dauerhaft sichern können und
– dass eine Steigerung der Importe zur Befriedigung unseres Holzbedarfes zu
vermehrten Naturschutzproblemen in anderen Ländern der Erde führen
würde,
in der Erkenntnis,
– dass das Ziel des dauerhaften Erhalts der vollständigen Biozönose unserer
Buchenwälder nicht ausschließlich mit der Ausweisung mehr oder weniger
isolierter, inselartiger Schutzgebiete erreicht werden kann, sondern es zur
Vermeidung von Isolationseffekten einer ausreichenden Ausstattung des
Wirtschaftswaldes mit Naturwaldelementen bedarf, sowie
in der gemeinsamen Überzeugung,
– dass nicht Segregation, sondern Integration von Naturschutzzielen in die
Forstwirtschaft der Vorbildrolle der deutschen Forstwirtschaft in der Welt
gerecht wird,
und im daraus resultierenden gemeinsamen Bestreben,
– Modelle für eine nachhaltige Sicherung ökonomischer, ökologischer und
sozialer Waldfunktionen bei der Buchenwaldbewirtschaftung fortzuführen bzw.
zu entwickeln und
– praktikable Verfahren für die Integration von Naturschutzzielen in die
Bewirtschaftung von Buchenwäldern zu erarbeiten,
werden folgende Ziele für die Buchenwaldwirtschaft vorgeschlagen:
Inwertsetzung und finanzieller Ausgleich von
Naturschutzleistungen
Die Integration von Naturschutzbelangen in die Forstwirtschaft kann auch teilweisen
Nutzungsverzicht und erhöhten Aufwand bei der Bewirtschaftung bedeuten. Diese
Maßnahmen und die damit verbundenen besonderen Leistungen gehen häufig über
die Sozialpflichtigkeit des Eigentums hinaus, Diese müssen für alle Waldbesitzarten
als gesonderte Naturschutzleistungen finanziell ausgeglichen werden. Dies kann im
Privat-und Körperschaftswald z.B. durch geeignete Fördersysteme oder durch eine
Finanzierung im Rahmen von A- und E-Maßnahmen geschehen und muss in
Staatswäldern durch vergleichbare finanzielle Zuweisungen oder Anrechnung
(Inwertsetzung) in einem entsprechend gestalteten Haushalts-bzw. Wirtschaftsplan
gewährleistet werden.
(1) Integration von Naturwaldelementen im Wirtschaftswald
Unabhängig von der Frage des Flächenanteiles und der Ausdehnung
unbewirtschafteter Waldflächen, über deren grundsätzliche Notwendigkeit Konsens
besteht, sind Naturwaldstrukturen wie Altbäume, Totholz, Habitat-und
Sonderstrukturbäume sowie das kleinflächige Nebeneinander verschiedener
Waldentwicklungsphasen einschließlich der Terminal-und Zerfallsphase vermehrt in
Buchenwirtschaftswälder zu integrieren. Für das Totholz sollte ein Gesamtvorrat
(liegend und stehend) von mindestens 30 m³/ha, in Naturschutzgebieten von über 50
m³/ha angestrebt werden. Das bewusste Belassen von zukünftigen Habitat-und
Sonderstrukturbäumen kann einzelbaumweise bereits bei der Durchforstung von
Jungbeständen berücksichtigt werden.
(2) Dauerwaldartige Bewirtschaftung
Eine dauerwaldartige Waldbewirtschaftung, z. B. nach den Grundsätzen der ANW,
mit einzelbaum-und gruppenweiser Nutzung und dem Nebeneinander verschiedener
Baumdurchmesser, Alterungsstadien und Waldentwicklungsphasen im Kontinuum
eines rotierenden Systems ist im Vergleich mit anderen Bewirtschaftungsformen (wie
Schirmschlag, Kahlschlag) am besten geeignet, Ziele der Forstwirtschaft und des
Naturschutzes auf derselben Fläche zu erreichen.
(3) Wechsel von ein- bis zweischichtigen zu phasenweise
mehrschichtigen Beständen
Der Umbau von aus Kahlschlag, Schirmschlag oder Windwurf hervorgegangenen
ein-oder zweischichtigen Beständen zu mehrschichtigen, verschiedenaltrigen
Beständen führt zu einer waldbaulich schwierigen Übergangsphase, in der unter
Umständen eine Abwägung zwischen dem Erhalt von Biotopbäumen als
mittelfristigem Ziel und Auflösung der gleichaltrigen Bestände als langfristigem Ziel
getroffen werden muss. Altbäume sind jedoch stets im ausreichenden Umfang zu
belassen.
(4) Erhalt auch des schwachen Totholzes
Schwaches Totholz ist ein Element der natürlichen Differenzierung/Selektion
(biologischen Automation). Seine Wertigkeit für den Naturschutz wurde bisher zu
wenig untersucht. Auch schwächeres totes und absterbendes Holz spielt eine
wichtige Rolle zum Schutz der Buchenwaldbiozönose (Beispiel: Nahrungshabitat
Weißrückenspecht). Dies ist bereits in Jungbeständen zu berücksichtigen.
(5) Bodenschutz und Holzernte
Zur Optimierung des Bodenschutzes beträgt der Rückegassenabstand i.d.R. nicht
unter 40 m. Es sind schonende Holzernte-und Rückesysteme zu nutzen und zu
entwickeln, die eine weitgehende Boden-und Bestandespfleglichkeit auch in strukturund
starkholzreichen Wäldern gewährleisten.
(6) Energieholzgewinnung und Selbstwerber
Ein verantwortungsvoller Umgang bei der Nutzung erneuerbarer Energien ist
notwendig. Energieholznutzung und Brennholznutzung dürfen nicht zu einer
Ausräumung der Bestände von Totholz und Habitatbäumen führen. Hier ist seitens
der verantwortlichen Waldbesitzer bzw. Revierleiter regulierend und ggf. limitierend
einzugreifen.
(7) Schalenwildmanagement, Verjüngung und Baumartenmischung
Die heimischen Schalenwildarten sind natürliche Bestandteile der mitteleuropäischen
Waldfauna. Die Schalenwildbestandsregulierung ist so auszuüben, dass eine
Waldverjüngung ohne Zaun möglich ist und auch heimische Mischbaumarten sich in
einem dem Standort angemessenen Anteil entwickeln können. In Weisergattern sind
die standortmöglichen Baumarten nachzuweisen.
(8) Nichtheimische Baumarten
Auf den Anbau und die Förderung nichtheimischer und gesellschaftsfremder
Baumarten soll in Buchenwäldern in NSG und FFH-Lebensraumtypen innerhalb von
FFH-Gebieten zugunsten heimischer Waldgesellschaften verzichtet werden.
Außerhalb von NSG und FFH-Schutzgebieten ist in Buchenwäldern die einzel- bis
gruppenweise Einbringung von standortgerechten Nadel- und Laubbäumen mit
untergeordneten Flächenanteilen möglich.
(9) Monitoring, Inventur
Zur Beobachtung von ökologischen und ökonomischen Parametern ist ein
kontinuierliches Monitoring erforderlich. Es ist sicher zu stellen, dass
naturschutzfachlich relevante Parameter (u.a. auch Wildverbiss) in der anstehenden
BWI 3 sowie den Forstinventuren der Länder ausreichend berücksichtigt sind.
(10) Ausreichende Personalausstattung
Dauerwaldartige, differenzierte Bewirtschaftung und verstärkte Integration von
Naturschutzzielen im Wirtschaftswald erfordern ausreichendes Personal und
Kompetenz in der Fläche, denn dies bedeutet z. B. einen erhöhten Aufwand bei
Auszeichnung und Strukturierung der Bestände sowie bei der Einweisung und
Kontrolle von Holzeinschlagsfirmen und Selbstwerbern. Bei einer Fortführung der
derzeitigen Personalpolitik mit permanent steigenden Reviergrößen sind diese Ziele
nicht mehr realisierbar.