Exkursion auf die NABU-Flächen um den Wittwesee, am 27.09.2008


Die ca. 530 ha umfassenden Wälder des NABU im Naturschutzgebiet Stechlin und Stechliner Seengebiet waren Gegenstand der Exkursion der ANW-Landesgruppe Brandenburg. Ca. 420 ha sind im engeren Sinne als forstlich bewirtschaftete Fläche anzusehen, ca. 110 ha sind Prozessschutzfläche und bereits seit vielen Jahrzehnten Totalreservat. Dazu kommen noch ca. 163 ha Wasserfläche (Wittwesee).
Die gesamte Flächen von knapp 700 ha wurde als Nationales Naturerbe in die NABU-Stiftung Nationales Naturerbe übertragen. Erklärtes Ziel für diese Gebiete ist die Stillegung als Prozessschutzfläche. Die Stillegung dieser Flächen ist grundbuchlich gesichert, in einem Übergangszeitraum von wenigen Jahrzehnten sind noch begleitende Maßnahmen möglich. Angesichts zunehmender Forderungen nach einer Qualifizierung der Waldbewirtschaftung in Bezug auf Natur- und Artenschutz besteht auch innerhalb der ANW Diskussionsbedarf. Die ANW-Landesgruppe Brandenburg wurde auf ihrem Waldspaziergang mit NABU-Vertretern
von einer Gruppe niedersächsischer Forstkollegen begleitet. Verschiedene Fragen stellten sich während der Exkursion immer wieder:

  • Wie wirkt sich die naturgemäße Waldwirtschaft auf verschiedene naturschutzfachliche Qualitätsparameter aus (z. B. Bio- und Totholzmengen, Entwicklung natürlicher Waldgesellschaften, spezielle Artenschutzanforderungen vor allem lichtliebender Pflanzen und Pflanzengesellschaften)?

  • Welche Übereinstimmungen bzw. welche Unterschiede gibt es bei der Waldbewirtschaftung? (Unter Beachtung der beabsichtigten Wirkungen auf das Wassereinzugsgebiet des Witwesees).

  • Welche naturschutzfachlichen Anforderungen sind besonders schwierig umzusetzen?

Die Publikationen des NABU zu naturschutzfachlichem und waldwirtschaftlichem Handeln im Wald weckten hohe Erwartungen an das Exkursionsgebiet und die Beantwortung der gestellten Fragen. In der Realität unterschieden sich die Waldbestände kaum von in Brandenburg wohlbekannten Strukturen. Großflächige Kiefernreinbestände mit mehr oder weniger ausgeprägter 2. Baumschicht aus Buche oder Birke, Eberesche, Eiche. Die erwarteten Ergebnisse auf den seit 5 Jahren durch den NABU übernommenen Flächen belaufen sich auf wenige unspektakuläre Veränderungen. Selbst dem aufmerksamen Beobachter würde nicht auffallen, dass es sich hier um Wald handelt, der überwiegend naturschutzfachliche Anforderungen erfüllt (bzw. erfüllen soll) und als Stiftungswald „Nationales Naturerbe“ im Eigentum einer der ganz großen Naturschutzorganisationen Deutschlands zur Erfüllung der hohen Zielansprüche seit 5 Jahren betreut wird.
Einzige Ausnahme und entsprechend heiß diskutiert war die Entnahme von Fichte verschiedenen Alters auf insgesamt ca. 19 ha , die teils als kleine Reinbestände, teils gemischt mit Kiefer, teils als Unterstand unter Kiefer vorkamen. Diese Fichten wurden zum Großteil einfach gefällt und liegen gelassen. In der Nähe des See wurde auf einem vernässten Standort im Totalreservat ein kleiner Teil stärkerer Fichte gefällt und genutzt, ca. die Hälfte der Bäume wurde mit der Motorsäge geringelt und stehen gelassen. Die zur Hälfte mit Fördergeldern des Landes Brandenburg finanzierte Maßnahme fand in Abstimmung mit den Naturschutzbehörden statt und stellte einen Kompromiss zwischen dem Totalreservatsanspruch und dem Anspruch der Entwicklung natürlicher Waldgesellschaften und der Verbesserung des Wasserhaushaltes dar. Die sich von den verbleibenden Bäumen aussamende Verjüngung erfordert nunmehr weitere Eingriffe (ziehen von Fichtensämlingen).

Es wurde eingeschätzt, dass die horstgroße Freifläche, die bei diesem Eingriff u.a. entstand, die Verjüngung heimischer Baumarten eher erschwert, auch wenn die Fichtenverjüngung gezogen wird. Der Umgang mit diesen Fichten ist eine echte Gretchenfrage für einen ANWler. Eine mögliche Antwort wäre: die Fichte auf insbesondere vernässten Standorten und zur Förderung der natürlichen Waldgesellschaft zurückzudrängen, ist mehr als überfällig. Bereits zu lange ist das Totpflanzen von empfindlichen Standorten unter der Hand als „Schaffen von Einständen“ belächelt worden. Den positiven Deckungsbeitrag in Form von Fichtenholz dagegen auf der Fläche vergammeln zu lassen und dem Nachbarn Borkenkäferprobleme zu bescheren, das kann nur mit dem Totalreservatsgedanken und den Auflagen der Naturschutzverwaltungen gerechtfertigt werden und hat für ANW-Betriebe keinen Modellcharakter.
Warum nicht das verwertbare dimensionsreiche Fichtenstammholz in seiner Gesamtheit geerntet wurde, um die Maßnahme zu finanzieren und Insektenkalamitäten auch in benachbarten, nicht geschützten Gebieten zu vermeiden, konnte nicht befriedigend beantwortet werden.

Weitere, durch den NABU vollzogene Maßnahmen in reinen Kiefernbeständen mittleren Alters erschlossen sich ebenfalls nicht umfänglich. Das formulierte Ziel, die Wasserhaushaltssituation kurzfristig zu verbessern, führte in den genannten Kiefernreinbeständen zu Durchforstungen. Abweichend von üblichen Vorgehensweisen wurden bei der Durchforstung besonders krumme, hinsichtlich Biotop- und Artenschutz prägnante Kiefern belassen. Die Förderung von Naturverjüngung aus Laubholz zur Verringerung der Verdunstung ist hierbei primäres Ziel. Weiserflächen zeigten, dass auch hier nicht das Licht die entscheidende „Bremse“ für die Naturverjüngung ist, sondern das Wild. Vorschläge, die Buche als Klimaxbaumart künstlich im Schutze von Zäunen oder durch Massensaaten einzubringen, um die Herstellung der natürlichen Waldgesellschaft und eine günstigere Wassersituation schneller zu erwirken, wurden diskutiert. Eine durch den NABU praktizierte extensive Jagdstrategie ist nach einhelliger Meinung nicht ausreichend, um die ehrgeizigen Ziele bzgl. der Naturverjüngung zu erreichen. Dies gilt umso mehr angesichts des ungünstigen Flächenzuschnitts der Eigenjagdfläche.

Unter Beachtung des obersten Zieles für dieses Gebiet, nämlich der Flächenstilllegung in wenigen Jahren, erschien es nicht zielführend, Geld in Form von Pflanzung oder Saat für die Buche in die Hand zu nehmen. Sie sind im Gebiet vorhanden, ebenso wie Eichen, Birken und Ebereschen als Zwischenwaldgeneration. Eine konsequente und effiziente Jagd und viel Zeit und Geduld sind wohl die Dinge, die auf diesen zukünftigen Prozessschutzflächen am dringendsten gebraucht werden! Warum der NABU nicht die Zeit hat, die Prozesse jetzt schon laufen zu lassen und stattdessen unbedingt handeln möchte, wurde rege diskutiert. Eine genaue Zielsetzung und daraus abgeleitete Handlungen (oder Nicht-Handlungen) sind hier ebenso dringend erforderlich wie in einem „normal“ bewirtschafteten Wald. Wie steht es nun mit den eingangs gestellten Fragen?
Ein alter Grundsatz sei vorausgeschickt: Waldbewirtschaftung und Waldentwicklung brauchen Zeit.
Die bisherige Zeitspanne ist definitiv zu kurz und die Maßnahmen aufgrund der noch nicht aufgelösten Widersprüche in der Zielsetzung noch nicht in einer Weise wirksam, dass man es dem Wald ansehen könnte. Die Entwicklung von natürlichen oder naturnahen Waldbeständen hängt hier, wie überall, in erster Linie an der entsprechenden Einregelung der Wildbestände.

Diskussionen entstanden weiterhin zur beispielhaften Markierung von Biotopbäumen in Kiefernaltbeständen. Aufwand und Nutzen einer solchen Maßnahme wurden hier sehr unterschiedlich bewertet. Klar ist, dass sich auch ANW-Betriebe Anforderungen des Naturschutzes stellen müssen. Multifunktionale Waldwirtschaft muss nicht nur im Hinblick auf die wirtschaftlichen Komponenten überprüfbar sein. Die Notwendigkeit dafür ergibt sich aus einer vergleichsweise breiten gesellschaftlichen Diskussion zum Management von Wald und Umwelt und einem zunehmenden Rechtfertigungsdruck gegenüber Dritten.

Sowohl Übereinstimmungen als auch Unterschiede konnten definiert werden. Allerdings bewegte sich die Diskussion häufig entlang forst- oder naturschutzpolitischer Grundsatzstatements. Der alte Konflikt zwischen den Ansichten des wirtschaftenden Eigentümers und der aufgrund ethisch-moralischer Wertvorstellungen agierenden Naturschutzorganisation wurde sehr deutlich. Es wäre wünschenswert, wenn der NABU den Mut hätte, anhand eigener Waldflächen die Umsetzbarkeit der vielfach geforderten Waldbewirtschaftung zu demonstrieren.
Ob die Flächen des Nationalen Naturerbes angesichts der Stillegungsabsichten hierfür geeignet sind, ist zweifelhaft.

Der ausdrückliche Dank gilt Hr. Gregor Beyer und Hr. Eckard Wenzlaff, die diese Exkursion engagiert vorbereitet und begleitet haben.
Von Dirk Riestenpatt und Angela Steinmeyer